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Autofill im Visier: NIS2 macht’s kritisch

geschrieben von Anette Hollenbach

20.08.2025

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AutoFill nutzen 68 % der Internetnutzer weltweit. Sie verlassen sich täglich auf AutoFill und sparen damit durchschnittlich 35 % der Ausfüllzeit von Formularen. Was als Effizienzgewinn gilt, birgt jedoch erhebliche Risiken: Unsichtbare Formularfelder, Dark Patterns und AutoSpill-Angriffe haben gezeigt, wie schnell vertrauliche Daten in falsche Hände geraten können.

Ob beim Login auf Online-Plattformen, beim Abschluss eines Einkaufs oder beim Eintragen von Kontaktdaten – das automatische Ausfüllen spart Zeit und reduziert Barrieren im digitalen Alltag. Doch genau dieser Komfort birgt erhebliche Risiken, die IT-Verantwortliche, Unternehmen und Endnutzer nicht länger ignorieren dürfen.

AutoFill-Systeme agieren im Hintergrund und erkennen typische Formularfelder, die sie mit zuvor gespeicherten Informationen wie Name, Geburtsdatum, Adresse, E-Mail, Kreditkartendaten oder Passwörtern befüllen. Diese Funktionalität ist browser- oder applikationsbasiert implementiert und unterscheidet sich je nach Anbieter im Hinblick auf Umfang, Sicherheitsvorkehrungen und Datenschutzstandards.

Chrome etwa bietet eine besonders breite AutoFill-Funktionalität, ist jedoch stark mit Tracking-Mechanismen verbunden und lässt in puncto Datenschutz Kritik zu. Firefox hingegen blockiert standardmäßig Drittanbieter-Tracking und bietet – bei richtig konfigurierten Datenschutzeinstellungen – einen hohen Schutzgrad.

Safari punktet mit effizienter Cookie-Blockierung, geriet jedoch in der Vergangenheit mehrfach durch Datenschutzpannen und seine Beteiligung am US-Überwachungsprogramm PRISM in die Schlagzeilen.

Besonders kritisch ist Microsoft Edge zu bewerten: Neben einer umfangreichen Datensammlung kam es dort zu Vorfällen unverschlüsselter Datenspeicherung außerhalb gesicherter Speicherorte – ebenfalls unter dem Dach des PRISM-Programms.

Diese Unterschiede verdeutlichen, dass AutoFill keine pauschal sichere Technologie ist. Vielmehr stellt sie eine Gratwanderung zwischen Nutzerfreundlichkeit und Sicherheitsanforderung dar. Während der Nutzer auf der einen Seite den Komfort zu schätzen weiß, besteht auf der anderen Seite die reale Gefahr, dass Sicherheitsaspekte in den Hintergrund rücken. Sicherheitsmechanismen wie zusätzliche Bestätigungsabfragen, Schlüssel-Symbole in Passworteingabefeldern oder Popup-Warnungen können helfen, das Bewusstsein zu schärfen – doch sie dürfen die Benutzerfreundlichkeit nicht so stark beeinträchtigen, dass sie deaktiviert oder ignoriert werden. Die Herausforderung besteht darin, sinnvolle Schutzmaßnahmen zu etablieren, die den Komfort nicht vollständig untergraben, aber dennoch einen wirksamen Schutz vor Datenmissbrauch bieten.

Ein besonders heimtückisches Risiko geht von sogenannten Dark Patterns aus – manipulativen Designtricks auf Webseiten, die Nutzer gezielt in die Irre führen. Angreifer nutzen diese Techniken, um durch versteckte oder nicht klar gekennzeichnete Formularfelder AutoFill-Daten abzugreifen, ohne dass der Nutzer dies bemerkt.

Ein auf der webbasierten Plattform GitHub veröffentlichtes Projekt („Browser Auto-Phishing“) demonstriert anschaulich, wie einfach es für Cyberkriminelle ist, unsichtbare Felder zu implementieren, die automatisch mit sensiblen Informationen befüllt werden – etwa Passwörtern oder Kreditkartendaten. Die Nutzeroberfläche suggeriert dabei harmloses Verhalten, tatsächlich aber erfolgt eine heimliche Datenübertragung an Dritte. Auch wenn keine klassische Phishing-Mail erforderlich ist, entfaltet dieser Mechanismus eine vergleichbare Wirkung: Nutzer verlieren die Kontrolle über ihre Daten, ohne dass sie eine aktive Handlung vorgenommen haben. 

Ein weiteres Beispiel für die Gefährlichkeit von AutoFill lieferte die Sicherheitskonferenz Black Hat Europe im vergangenen Jahr. Dort wurde ein Angriff namens „AutoSpill“ präsentiert, bei dem präparierte Android-Apps in der Lage sind, gespeicherte AutoFill-Daten – insbesondere Zugangsdaten – abzugreifen.
Bemerkenswert dabei: Der Angriff funktioniert ohne schadhaften Code in der Ziel-App, ohne Phishing-Interaktion und sogar bei offizieller Distribution über App Stores. Die Angriffsmethodik beweist eindrucksvoll, dass selbst unter „sicheren“ Bedingungen AutoFill-Daten kompromittiert werden können.

Angesichts dieser Risiken stellt sich die Frage, wie Unternehmen, IT-Abteilungen und auch Endanwender auf dieses latente Bedrohungspotenzial reagieren sollten. Experten empfehlen eine Kombination aus technischen Schutzmaßnahmen, organisatorischen Richtlinien und gezielter Nutzeraufklärung.
Auf technischer Ebene gehört dazu insbesondere das gezielte Deaktivieren der AutoFill-Funktion für sensible Felder wie Passwörter, Adressen oder Zahlungsinformationen. Zusätzlich sollte darauf geachtet werden, dass gespeicherte Daten ausschließlich verschlüsselt abgelegt werden – idealerweise in isolierten, sicheren Speicherorten, die vor Zugriff durch Drittanwendungen geschützt sind. Auch das regelmäßige Löschen von Browserdaten, das Blockieren von Drittanbieter-Cookies und die Deaktivierung von Telemetrie-Datenübertragungen können helfen, die Angriffsfläche deutlich zu verkleinern. Darüber hinaus sollten vertrauenswürdige Add-ons zum Schutz der Privatsphäre und zur Blockierung unerwünschter Skripte genutzt werden.

Auf organisatorischer Ebene empfiehlt sich die Schulung von Mitarbeitenden zur sicheren Nutzung von AutoFill-Funktionen sowie zur Erkennung von manipulativem Webdesign. Unternehmen sollten regelmäßig Sicherheitsanalysen und Schwachstellenscans durchführen, um sicherzustellen, dass keine unsichtbaren oder versteckten Formularfelder in ihren Anwendungen vorhanden sind – etwa durch Penetrationstests oder Code-Reviews.

Besonders relevant ist die Diskussion um AutoFill im Kontext der europäischen NIS2-Richtlinie, die seit Oktober 2024 bindend für Unternehmen in kritischen Infrastrukturen und darüber hinaus ist. Die Richtlinie verpflichtet Unternehmen zu umfassenden Maßnahmen zur Stärkung ihrer Cyberresilienz. Im Rahmen von NIS2 wird AutoFill als potenzieller Risikofaktor insbesondere in folgenden Bereichen berücksichtigt:

1. Im Bereich Authentifizierung – AutoFill darf hier nur mit ergänzenden Schutzmechanismen wie Domainbindung und Zwei-Faktor-Authentifizierung verwendet werden.

  1. Es müssen gespeicherte Daten mit verschlüsselten Zugriffsmechanismen geschützt werden.

    3. Angriffe, die auf AutoFill-Daten abzielen – etwa Credential Stuffing – sind in Incident-Response-Plänen zu berücksichtigen.

    4. Sollten Auditprozesse auch das AutoFill-Verhalten evaluieren und dokumentieren, um regulatorisch auf der sicheren Seite zu sein.

Unternehmen, die AutoFill aktiv in ihre Anwendungen oder Nutzerportale einbinden, müssen dies nicht nur technisch sauber, sondern auch datenschutzrechtlich transparent tun. Das bedeutet auch, dass sie in Datenschutzerklärungen offenlegen, wie AutoFill-Daten verarbeitet, gespeichert und ggf. weitergegeben werden. Besonders sensibel ist hier die Frage, ob und wie Telemetriedaten ausgewertet werden, die aus AutoFill-Interaktionen hervorgehen – etwa zur Optimierung von Nutzererfahrung oder zur Profilbildung.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: AutoFill ist ein mächtiges Werkzeug – doch es ist auch ein potenzielles Einfallstor für Datenmissbrauch. Die Technologie bietet ohne Zweifel einen echten Komfortgewinn, senkt Reibungsverluste in der digitalen Interaktion und verbessert die Conversion-Raten auf Webseiten. Gleichzeitig birgt sie jedoch erhebliche Risiken für Datenschutz und IT-Sicherheit. Für Unternehmen, die in einer NIS2-konformen Umgebung agieren, ist der bewusste Umgang mit AutoFill längst keine Option mehr – sondern ein regulatorisches Muss. Für Endnutzer hingegen ist Aufklärung der Schlüssel: Nur wer weiß, wie AutoFill funktioniert, welche Daten betroffen sind und wo Gefahren lauern, kann verantwortlich damit umgehen.

 

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